Corazón ist zurück

06.05.2022-KK

fokussiert: Corazón - und das doppelte Zukunftsglück

Der Anruf Mitte April traf quasi wie aus dem Nichts ins Volle: „Kennst du Arne Bergendahl? Er reitet nun Corazón.“ Die schöne dunkelbraune Stute, die im Juni 2010 bei Tanja Ellesat (heute: Tanja Brauchle, Isny-Beuren) geboren wurde und als fünfjährige in den Stall von Maria Stein wechselte, hatte in Oudkarspel/NED ihren ersten internationalen Start seit der Deutschen Meisterschaft in Luhmühlen im Juni 2019. Grund genug, den Sucher beim Turnier in Münster öfter auf das neue Paar zu richten.


Der erste Blick ins Pedigree lässt auf der oberen Hälfte die totale Holsteiner-Dominanz erkennen, im unteren Teil hat das geschwungene H mit den Pferdeköpfen Priorität. Der Vater Casillas von Coleman - Lucille von Lordship war in jungen Jahren siegreich in Springen bis zur schweren Klasse, wurde anschließend verkauft und taucht in der Datenbank der FEI mit Erfolgen in kleinen Prüfungen in Österreich wieder auf. In seiner Ahnengalerie finden sich Cor de la Bryere und Ladykiller xx über ihre verschiedenen Zweige häufiger. Fast die Hälfte seiner bislang 66.000 € Nachkommen-Lebensgewinnsumme geht auf das Konto von Corazón, die alleine bei 5 Indoor-Starts in Stuttgart, Genf und Bordeaux 22.000 € gutgeschrieben bekam.

Im deutschen Vielseitigkeitsolympiakader ist Casillas als Vater von Casino (aus einer Mutter von Claudio - einem Coleman-Halbbruder) vertreten, der von Peter Thomsen in den großen Sport gebracht wurde und seit Mitte 2020 von Dirk Schrade vorgestellt wird (Teilnehmer der Euro 2021 in Avenches, bei zwei CCI-3*-S-Prüfungen in diesem Jahr 2. in Kronenberg und Sieger in Kristianstad).
Weitere Nachkommen von Casillas wurden in Dänemark geboren und sind dort sowie international als Schleifensammler unterwegs (u.a. der gekörte Volstrups Cash, selber in 160-Springen und Nationenpreisen erfolgreich, seine Tochter Engas Sevilla beendete am letzten Wochenende das CCI-2*-S in Sopot mit dem Dressurergebnis zuzüglich eines Springfehlers im Parcours). Casillas väterlicher Halbbruder (aus einer Cascavelle - Sacramento Song xx-Mutter) ist L.B. Convall - mit Philipp Weishaupt Sieger der Großen Preise in Aachen und Calgary.

Lucille, die Mutter des Casillas brachte mit Loveless und New Lord noch zwei gekörte Söhne sowie vier weitere bei der FN eingetragene Turnierpferde, die teilweise in Springen und Dressur bis S erfolgreich waren. Aus der Tochter Cassy (von Coleman) stammt u. a. Calippo von Casall, der bereits mehrfach S-Springen gewonnen hat.

Loveless * 2011 von Lord Z mit Siegen in S-Springen (2016 und 2017 qualifiziert fürs Bundeschampionat) und Nachkommen, die erste Schleifen in Basisprüfungen gewonnen haben (der erste Jahrgang wurde 2016 geboren), nach einem Namenswechsel ist „Lovelight“ unter amerikanischer Flagge erfolgreich bis 150-Springen.

New Lord * 2001 von Newton war mit Lisa Maria Klössinger siegreich bis Grand Prix, aufgewachsen war er als Springpferd mit Siegen in Springpferdeprüfungen bis zur Klasse M.
Lucilles Mutter, Carna von Corleone - Sable Skinflint xx, brachte mit dem Casillas-Vater Coleman den international unter Robert Whitaker bis 165-Springen erfolgreichen Catwalk, von dessen wenigen in Baden-Württemberg geborenen Nachkommen einer selber S-platziert ist.


Die Mutter der Corazón ist Skyline von Sir Donnerhall - Waldfee von Waldstar xx - Gina von Georgenburg, die im ländlichen Dressursport einige Schleifen mit ihrer Besitzerin erringen konnte. Turniererfolge sind auch in der tieferen Mutterlinie -mit einer Ausnahme- eher rar gesät. Nach der FN-Datenbank ist Corazón das einzige Fohlen von Skyline geblieben. Sir Donnerhall (von Sandro Hit - Donnerhall) gewann 5-jährig das Dressur-Bundeschampionat, war eher hochbeinig, hatte ein langes Hinterbein und daher eher schwer zu schließen. Er war nicht wirklich die Idee eines belastbaren Buschpferdes. Für die rund 1,1 Mio€ Nachkommengewinnsumme sind 1274 Pferde mit Platzierungen verantwortlich (verzeichnet sind bei der FN 1795 Sportnachkommen).

Waldstar xx von Athenagoras xx - Tarim xx wurde nach einer zweijährigen Rennkarriere (Gewinnsumme etwas mehr als 14.000 €) im Landgestüt Celle aufgestellt. Trotz seiner recht zahlreichen Sport-Nachkommen (lt. FN haben 140 Kinder knapp 125.000 € Preisgelder gewonnen, davon etwas mehr als 30.000 € im Busch) hatte er insgesamt nur einen geringen Einfluss auf die hannoversche Zucht. Die im Vielseitigkeitssport bekanntesten Nachkommen sind West Virginia (aus der Corazón-Ur-Ur-Großmutter Servante von Servus - Waterloo), die mit Elmar Lesch bis 2-Sterne (heute 3*) erfolgreich war sowie Versatels Walter von der Vogelweide (Mutter von Landclassic - Star Regent xx), der mit Malin Petersen (seinerzeit noch Larsson) 2007 3. im Bundeschampionat war. Ein Jahr später gewann er in Le Lion-d’Angers den Titel „Weltmeister der siebenjährigen Vielseitigkeitspferde“ und konnte dabei die späteren WM-/Olympiateilnehmer bzw. 4*/5*-Sterne-Sieger Redesigned (Pippa Funnell), Mr Cruise Control (Andrew Nicholson) und Wega (Sara Algotsson Ostholt) hinter sich lassen.

Beide Großmütter des Waldstar xx sind Töchter des Neckar xx, der auch Vater von Vierzehnender xx (Vater von z. B. El Paso, mit Harry Klugmann Dt. Vizemeister 1978, Team-Gold Euro 1973/Kiew, Team-Silber Euro 1977/Burghley, platziert in Badminton und Boekelo) und Vollkorn xx (Vater von z. B. Volturno, mit Otto Ammermann Team-Silber Olympia 1976/Montreal, Team-Silber WM 1978/Lexington, Team-Silber und 10. Platz in der Einzelwertung Festival in Fontainebleau/1980 [Ersatz für die boykottierten OS/Moskau], Siege und Platzierungen in diversen S-Vielseitigkeiten und auch M-Dressuren/-Springen sowie Viebig, mit Thies Kaspareit Siege und Platzierungen in Vielseitigkeitsprüfungen von A bis S) ist.

Georgenburg war siegreich bis S-Dressur, blieb aber ohne große Vererberspuren.


Da war doch noch etwas mit dem doppelten Glück … Auf die Frage, wie denn dieses Pferd in seinen Beritt gekommene sei, erzählte Arne Bergendahl die Geschichte, die bis ins letzte Jahr zurückreicht: „Wir sind gefragt worden, ob Corazón ihr Fohlen bei uns zur Welt bringen könne.“ Aha, ein ungeahnter Ansatz, wer ist neben Corazón dafür verantwortlich? Arne: „Es ist ein Hengstfohlen von Araldik.“ Araldik - Asha, das klingelt in den Ohren.

Zur Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde 2018 hatten wir bereits recherchiert: Die Askaritochter Asha P ist den meisten ein Begriff als rechte Schwester zu dem gekörten Hengst DSP Araldik des Gestüts Bonhomme. Den 25-prozentigen Vollbutanteil verdanken die beiden ihrer Mutter Hera, einer Halbblutstute vom Heraldik xx. … Mit dem Holsteiner Askari verfügt Asha P über einen Stangenkünstler zum Vater, dessen Tochter DSP Alice in diesem Jahr in Tryon märchenhafte Geschichte schrieb als sie mit fünf Nullrunden zum Weltmeistertitel sprang. Askari selber war 9 Jahre bis zur Klasse S siegreich im Parcours unterwegs und vereint über Accord II und dessen Vater Ahorn Z die Gene des legendären Franzosen Almé und der Heureka Z, die als eine der markantesten Holsteiner Stuten gilt (wenngleich sie den Hannoverschen Brand trug). Der Mutterstamm des Askari gehört zum Holsteiner Tafelsilber und hat auch das segensreiche Vollbrüder-Quintett Calypso I-V hervorgebracht.


Momentaufnahme aus der Dressur in Münster, nun mit Arne Bergendahl

Und was war doppelt? „Irgendwann hat mich Frau Stein gefragt, ob ich Corazón reiten will - und ich musste nicht lange überlegen.“ Angesprochen auf die gemeinsame Zeit: „Für mich war es schon eine Umstellung. Bisher habe ich immer alle Pferde von Anfang an geritten. Noch nie habe so ein gut ausgebildetes Pferd bekommen. Über ein Stilspringen und einen Geländeritt haben wir die ersten gemeinsamen Turniererfahrungen gesammelt. Oudkarspel war dann die erste Zwei-Sterne-Prüfung, jetzt hier dann Drei-Sterne.“ In Münster wirkte Corazón insgesamt gelassener als bei Michael Jung,

war in der Dressur allerdings auch gut 5 Punkte hinter ihrem 3*-Bestergebnis. O-Ton Arne: „Sie genießt es ganz offensichtlich, bei uns im Rampenlicht zu stehen. Bei Michi war sie doch eher die Nummer vier oder fünf im Stall.“

Drei-Sterne-Debüt in Wiesbaden 2018 mit Michael Jung

Vierjährig gewann Corazón mit Michael Jung die erste A-Springpferdeprüfung, anschließend wurde sie von seiner Bereiterin Isabel English auf ländlichen Turnieren und in Ein-Stern-Prüfungen vorgestellt. Die Kombination Corazón / Michi taucht im Herbst 2017 mit einem zweiten Platz in Schwaiganger (CCI*) wieder auf. Drei Wochen später folgte ein fünfter Rang beim ersten Zwei-Sterne-Einsatz. Vor ihr standen in der Siegerehrung einige Pferde mit deutlich mehr Erfahrung: Samourai du Thot, Catelan und Wega. Über Corazóns Erfolge bei den Hallen-Indoors hatten wir weiter oben

Sonntags in Luhmühlen  

schon geschrieben. 2018 folgten Einsätze in Zwei- und Drei-Sterne-Prüfungen, im August der Sieg in der langen 2*-Prüfung in Strzegom und zwei Monate später der zweite Platz (hinter ihrem Stallgefährten Lennox) im CCI-3* (heute 4*-L) ebenfalls in Strzegom. In 2019 zunächst ein Sieg in Bordeaux, dann im Cross Platzierungen in Radolfzell, Marbach, Baborowko und Luhmühlen. Mit dem Heide-Turnier endet die Corazón-Michi-Geschichte.

Im Herbst äußerte sich Michael Jung nur kurz zum Corazón-Abschied: „Sie [Anm: die Besitzerin] hat sich nie zu den Gründen geäußert.“ Per Anfang Oktober findet sich in der FN-Datenbank ein einzelner Erfolg von Corazón in einem L-Springen mit Ingrid Klimke. In Boekelo auf ihr neues Pferd angesprochen, war Ingrid recht kurz in ihrer Aussage: „Mal sehen, was da noch geht.“

Ohne Hindernisfehler ging es in Münster durch das Gelände

Dann also das Fohlen und nun Arne Bergendahl. In Münster wäre es fast ein zweiter Platz geworden: Ein Flüchtigkeitsfehler am Ende des Springparcours und eine kleine Zeitüberschreitung im Gelände …  „Wir werden jetzt versuchen, weiter zusammenzuwachsen. Das nächste Turnier ist wahrscheinlich Baborowko. Vielleicht fahren wir im Juni nach Luhmühlen, aber das entscheiden wir Schrittweise. Es gibt kein festes Saisonziel.“

Der Corazón-Jährling genießt mit seinen Kumpels das grüne Gras in Hamminkeln und soll auch dort bleiben. Auf die Frage, ob er sich schon die Reit-Rechte gesichert habe, lächelte Arne: „Wir haben da schon drüber gesprochen.“

DANKE an Diana Jung für die Fotos und Sabine Brandt für die neuerliche Unterstützung bei der Pedigree-Recherche.



OBEN: Die letzte Dressur mit Michi Jung: Luhmühlen 2019

MITTE: Durch die Umstellung des FEI-Systems sind nun Vier-Sterne: Marbach 2019

LINKS: Der erste CIC-Start in Marbach 2017, im Sattel Isabel English


OBEN und LINKS:

Corazón und Michael Jung im CCI-4*S in Luhmühlen 2019

Sonntags im Parcours  -  Doppel-Null  -  nach einer langsamen Geländerunde wurde es der 12. Platz für Corazón und Arne Bergendahl




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