17. September 2018

Tryon-Inside

Vorweg: Ohne Tryon mit Mark Bellissimo hätte es in diesem Jahr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Weltreiterspiele gegeben. Und das wäre schade gewesen. Wann sonst schauen sich Reiner ein Eventing-Springen an, bejubeln Eventer die Ritte und die Medaillen der Dressurspezialisten, staunen Springreiter über die Aufgaben im Gelände, die nach den FEI-Bestimmungen ja maximal 1,25 Meter hoch sein dürfen. Wo wird den Zuschauern schon ein so vielfältiges Programm geboten? Dafür brauchen wir die WEG. Und in diesem Jahr eben Tryon. Und Tryon hätte mehr Zeit gebraucht. Erst vor etwa zwei Jahren war man ganz kurzfristig für Bromont eingesprungen.

Aber sie haben sich zu viel vorgenommen oder den richtigen Drive vermissen lassen. Je nach Ansprechpartner variierten die Aussagen stark. Fest steht, dass das Tryon International Equestrian Center grundsätzlich alle Bedingungen für so ein Championat erfüllt. Die Pferde waren bestens untergebracht, die Reitböden hatten eine super Qualität, es gibt Platz ohne Ende und das Cross-Gelände hält jedem Vergleich stand. Die Volunteers waren weltmeisterlich. Freundlich, hilfsbereit, lösungsorientiert und immer für einen Spaß zu haben. Allerdings auch besorgt: Eine junge Shuttle-Fahrerin fragte uns, ob dieses Desaster so auch im Ausland wahrgenommen würde. Einige von ihnen sind hier vor Ort mit Julia Otto (die Luhmühlen-Chefin) in Kontakt gekommen und möchten im nächsten Jahr zur Europameisterschaft in die Heide kommen. Auch eine Art der Begeisterung.

Überall waren die kleinen und die großen Baustellen - und auch die riesengroßen. Die Scheichs aus Arabien werden es überlebt haben, dass ihr Prunkbau am Ziel des Distanzrittes wie ein erweiterter Rohbau aussah. Die Appetizer standen am Montag schon parat, die Tische waren mit Stoffservietten eingedeckt. Leider war die Zufahrt noch nicht befahrbar, ganz zu schweigen von der Tribüne. Da hat es nur bis zum Rohrskelett gereicht.

Sehr peinlich, dass erst drei Tage vor dem finalen Meldeschluss die Länge der Cross-Strecke kommuniziert wurde. Die topographischen Anforderungen waren bekannt, einige Bilder der Hindernisse auch schon weit verbreitet. Es ging um die letzten zwei Minuten der Strecke. Wird die Trasse für den Anstieg noch fertig oder wird die Zeit einfach zu knapp. Für die Selektoren der Teams schon wichtig, ging es doch hier um 8 oder 10 Minuten Cross-Galopp und halt dem Mega-Anstieg zum Ende der Strecke. Das kann schon eine Pferdeauswahl beeinflussen.

Ohne alle Fakten zu kennen, wird wahrscheinlich auch der sehr schleppende Kartenverkauf mit diesen Dingen zu tun haben. Bestimmt aber auch mit den teilweise total überzogenen Preisen. Die Bilder aus der Dressur und dem Springen zeigen die vielfach gähnend leeren Ränge. Die Zahl der Besucher im Gelände wurde mit 15.000 angegeben. Als Vergleich: Frank Kemperman musste in Aachen die Zugänge wegen Überfüllung sperren. Unsere Nachfrage nach den verkauften Tickets für den Samstag (wir vermuten, dass ein Teil der Interessenten wegen der Wetteraussichten den Besuch gecancelt hat) blieb leider unbeantwortet.

Außer den Reitböden und den Stallungen (die ja vorher schon da waren) war alles maximal halb fertig. Manchmal hatte man den Eindruck, es seien mehr Handwerker als Zuschauer auf dem Gelände. Abends sowieso, es wurde bis tief in die Nacht gewerkelt. Die Besucher der zweiten Woche werden diese Dinge weniger kritisieren. Was hier in der einen Vielseitigkeits-Woche noch geschafft wurde, ist schon gut. Das hatte auch Dr. Niederhofer bestätigt, der ja noch einige Tage vorher schon auf dem Gelände war und die Fortschritte formuliert hatte.

Meisterstück auf der Weltmeisterschaft: Der Kurs von Mark Phillips

Aus unserer Sicht stand der erste Weltmeister schon vor dem Beginn der Prüfung fest. Mark Phillips hat sein Meisterstück geliefert. Der vielbeschäftigte ehemalige Profireiter, dessen Kurse oft gelobt wurden, der aber noch häufiger derbe Kritiken einstecken musste, hat alles richtig gemacht. Die Trasse, die Auswahl und Platzierung der Hindernisse, die Linienführung, die Abmessungen und vor allem die vielfältigen Möglichkeiten. Die besten Pferd-Reiter-Paare sind fehlerfrei durch den Cross gekommen, sechzehn davon sogar in die Zeit galoppiert. Einige der Top-Stars mussten ihre Medaillenhoffnungen mehr oder weniger früh begraben, aber auch die schwächeren Reiter konnten sich ordentlich präsentieren und vielfach sogar ohne Hindernisfehler die Ziellinie überqueren. Chapeau Mark Phillips.




Er bleibt lieber im Hintergrund - Chris Bartle

Allerspätestens hier in Tryon dürfte den deutschen Verantwortlichen, eigentlich der gesamten Branche, aufgegangen sein, wie schwer der Kompetenzverlust durch den Wechsel von Chris Bartle wiegt. Gemma Tattersall -Mitglied der Goldequipe der Briten- hat es auf den Punkt gebracht: "Chris Bartle ist eine Legende - und wir haben durch ihn eine unheimliche Entwicklung gemacht." Rose Canter, die neue Weltmeisterin: "Er hat in den letzten zwei Jahren meine ganze Reitweise umgestellt, mir Mut gemacht, meine Pferde anders zu reiten als früher. Ich reite heute mit viel längeren Zügeln." In Anlehnung an William Fox-Pitt, der nach Michael Jungs Triumph in Lexington 2010 wegen der Chancengleichheit Sam in Rente schicken wollte, ist die Reiterwelt nun aufgerufen, ein Fund-Raising für Chris Bartles Vorruhestandspension zu starten. Für die Entwicklung von Pferden, Reitern und des Sports wünsche ich mir, er wird 100 Jahre alt. Mindestens.


Für die Extraprozente auf dem Dressurviereck verantwortlich: Jürgen Koschel

Die deutschen Trainer haben hervorragende Arbeit geleistet. Die Dressuren am Donnerstag und Freitag waren exorbitant, auch bei den jungen Pferden schon und da wird es bestimmt noch eine weitere Entwicklung geben. Diese Ergebnisse sind nur mit einem kontinuierlich-guten Heimtraining möglich und die Kaderarbeit mit Jürgen Koschel wird die letzten Prozentpunkte heraus gekitzelt haben.








Der Motivator: Hans Melzer

Der Bundestrainer Hans Melzer ist ein extrem guter Motivator. Das wurde auch in Tryon von den Adlerträgern zurückgemeldet. Kai Rüder meinte: "Wir haben eine tolle Stimmung im Team - da kann alles draus werden." Die Linien, die das Team im Cross geritten ist, waren auch die richtigen. Ein Vorbeiläufer kann immer mal passieren, aber es war bis vor Rio die besondere Leistung des deutschen Teams, gerade auf Championaten jeweils die Bestleistung abzurufen.


Für die deutschen Teamkameraden per I-Pad behilflich: Michael Jung in Tryon

Vielleicht hat es sich hier gerächt, dass die deutschen Eventer entschieden haben, auf die Expertise eines Andrew Nicholson zu verzichten. Vielleicht wären es die paar Prozentpunkte gewesen, die Dibo hätten mutiger reiten lassen oder ein Hinweis an Julia, welche Eventualitäten an der Railroad-Crossing-Kombination warten und wie man trotzdem heile durchkommt.

Oder: Der erfolgreichste Championatsreiter der letzten Dekade war vor Ort. Er spricht unsere Sprache, ist einige Male durch den Cross gelaufen - aber ohne deutsche Begleitung. Vielleicht hätte live statt I-Pad (Hans Melzer: "Wir sind den ganz Kurs mit Michi am Bildschirm durchgegangen. Er hatte die gleichen Linien wie wir auch.") den Unterschied ausgemacht. Zur Klarstellung: Die Grundlage ist sehr gut, es geht um die paar Prozentpunkte mehr, die vielleicht eine Medaille bedeuten könnten.


Springtrainer Marcus Döring bespricht mit Ingrid Klimke die letzte Distanz

Die eine Hälfte der Parcoursleistungen war verlässlich sehr gut. Colani Sunrise und FRH Corrida brachten die besten Vorleistungen mit und haben (O-Ton Dibo) "abgeliefert". Auch ein Ergebnis aus Heimarbeit und der mit Spezialtrainer Marcus Döring. Chipmunk lag im Rahmen seiner Möglichkeiten. Von 0 bis 8 war in diesem Jahr schon alles dabei. Auch bei Bobby kann schon mal eine Stange fallen. Dass dies gerade am Montag passiert ist, ist Pech. Die Distanz passte, es hätte genauso gut auch klappen können. Da fehlten nur drei oder vier Zentimeter Höhe - die wenigen Prozentpunkte halt. Allerdings muss auch geschrieben werden, dass das Glücksbonusheft spätestens in der zweifachen Kombination aufgebraucht war.


Der Vergleich ist zwar nur bedingt aussagefähig, zeigt jedoch eine Tendenz auf: Unser Team hat vor zwei Jahren mit 132,13 Punkten (umgerechnet auf das aktuelle Wertungssystem) in Rio die Silbermedaille gewonnen, jetzt haben 118,20 Punkte "nur" für den fünften Platz gereicht. Das Resultat ist besser als bei Olympia, aber die Verbesserung der anderen Nationen ist deutlicher ausgefallen.

Unsere Tryon-Starter haben sich nach den Ausfällen quasi von selbst aufgestellt. Die Diskussion um Reiter wie Jörg Kurbel und Josefa Sommer ist müßig. Diese Einschätzung soll aber auf keinen Fall in irgendeiner Weise deren persönliche Leistungen ankratzen. Josefa Sommer und Hamilton haben im letzten Jahr in Strzegom eine Super-Euro geritten. Es war das beste Ergebnis in einer langen 3*-Prüfung bei insgesamt vier Versuchen. Erfahrungen im Vier-Sterne-Bereich fehlen beiden noch. Anders bei Jörg Kurbel, der mit Josera's Entertain You in Luhmühlen sein 4*-Debüt mit einer Platzierung beendet hat. Im Gelände sind die beiden eine Bank, in allen Klassen gab es bislang nur fehlerfreie Ritte (einzige Ausnahme sind eine 'Missed Fag' und ein 'Broken Pin'). Aber es hapert -noch- mit der Zeit. Im sehr flachen Heidegelände waren sie im Sommer fast eine halbe Minute über der Optimalzeit, bisher gelang auf 3*-Niveau erst ein Bestzeit-Ergebnis. Die Trainer- und Ausschuss-Entscheidung für die nominierten Reiter und Pferde macht auch in der Nachbetrachtung Sinn.

Will wohl helfen, hat aber auch nur begrenzte Mittel: Der Vorsitzende des Vielseitigkeitsausschusses Prof. Dr. Jens Adolphsen

Ein weiteres deutsches Manko ist die dünne Decke an Top-Pferden. Die Liste mit den potentiellen Championatsreitern (Dirk Schrade, Peter Thomsen - um nur zwei zu erwähnen) ohne bzw. ohne gesunde Pferde (Andreas Ostholt, Michael Jung) ist schon recht lang. Auch hier scheint es noch Verbesserungspotential zu geben. Dr. Jens Adolphsen, der Vorsitzende des Vielseitigkeitsausschusses der FN: "Klar können wir bei der Anbindung des ein oder anderen Pferdes unterstützen. Aber wenn da Millionenbeträge aufgerufen werden, gehen auch uns die Mittel aus." Es wachsen einige gute Pferde nach, bleibt zu hoffen, dass sie unseren Reitern erhalten bleiben.






Wenn aus Partnern Freunde werden: Colani Sunrise-Besitzer Bernhard Reemtsma und Kai Rüder mit seinen Kindern.

Bei Colani Sunrise scheint es so zu sein. Kai Rüder: "Ich habe das große Glück, dass das Pferd Bernhard Reemtsma gehört, mit dem uns mittlerweile eine richtige Freundschaft verbindet." Vorteilhaft, wenn man auf die Frage nach eventuellen Verkaufsabsichten mit "Auf dem Ohr sind wir taub" antworten kann. Insgesamt stammten sechzehn der 83 Pferde in Tryon aus der deutschen Zucht.







Drei faustdicke positive Überraschungen lieferten diese Weltreiterspiele in der Vielseitigkeit:

Das japanische Team -um den bei Dirk Schrade trainierenden Yoshiaki Oiwa- war nach der Dressur auf dem zehnten Platz. Alles noch im normalen Bereich. Durch drei fehlerfrei Ritte mit insgesamt nur wenigen Sekunden Zeitüberschreitung klopften sie sehr laut an die Medaillenränge. Das solide Springen sicherte diesen vierten Platz vor unserem Team.

Auf vielen Turnieren und Meisterschaften wurde die Aussage "Wenn die Iren anfangen Dressur zu reiten, schnappen sie uns die Medaillen weg" belächelt, manchmal hörte es sich an wie ein Running-Gag. Jetzt aber ist es soweit. Sam Watson über die außergewöhnliche Arbeit mit Sally Corscadden (Teilnehmerin an Welt- und Europameisterschaften): "Wir haben ein halbes Jahr lang hart gearbeitet, bei jedem Wetter, auch bei Regen." Er meinte damit ausdrücklich die Dressurarbeit. Gelände und Springen konnten die Iren mit ihren häufig hoch im Blut stehenden Pferden schon immer. Hier haben die Grün-Jacken ihre Früchte geerntet und mit der Silbermedaille ihr erstes WM-Edelmetall überhaupt empfangen. Vom siebten Platz in der Dressur preschten sie mit drei Doppel-Nullern im Gelände auf den zweiten Rang und sicherten diesen im Parcours ab.

Dieser Sport hält jung: Andrew Hoy vierzig Jahre nach seinem WM-Debüt

Andrew Hoy, in den letzten Jahren im großen Sport etwas in der Versenkung verschwundener vielfacher Sieger großer Prüfungen und Championate. Für seine exzellente Basisarbeit ist der Australier bekannt und hoch anerkannt. Die Vorergebnisse und seine Präsentation mit Vassily de Lassos in Aachen ließen bereits aufhorchen. Trotz seines reifen Alters (in Lexington 1978 gab er 19jährig sein WM-Debüt) ritt er den Fuchs geschmeidig sitzend erfolgreich auf dem Viereck zu 29,80 Punkten und Platz 29. Das war es dann auch mit dem Punkten! Im Gelände fehlerfrei und sechs Sekunden unter der Bestzeit im Ziel, am Montag ebenfalls Doppel-Null und fast noch in den Medaillenrängen. Bleibt zu hoffen, das Andrew das Pferd in den nächsten Jahren dosiert einsetzt (Vassily de Lassos ist erst neun Jahre) und sich unsere Verantwortlichen in Warendorf Gedanken um die Ausbilder-Kompetenz von Andrew Gedanken machen.


Irgendwann auch wieder in einer deutschen Vitrine

Der Championatsblick geht nun direkt nach Luhmühlen. Ende August 2019 richten Julia Otto und ihr Team die nächste Europameisterschaft aus. OK, die Briten sind die Favoriten. Aber es wird wieder ein spannender Wettkampf werden. Als Ausrichter kann der deutsche Verband zwölf Starter benennen. Platz und Raum für die jungen Wilden, sich zu beweisen, auch für die bewährten Kräfte, die im Moment ohne Pferde dastehen - und alle Tryon-Fahrer sind ja im besten Alter. Die Chancen sind da. Auf geht's.

Klaus Kurk  -  direkt aus Tryon

Eventing-Inside
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